Digitalisierung der Arbeit

oder
Wenn mechanische Gehirne nach Deinem Job greifen

Wolfgang Weicht

Wolfgang Weicht

ist Innovation Coach, Experte für Design Thinking, Data Intelligence und Storytelling, Gründer des gemeinnützigen SocialTech e.V. Frankfurt und Teil des Zielwerk-Netzwerkes

Früher mussten wir noch jagen und sammeln um zu überleben. Aber Menschen sind sowohl klug als auch faul und haben deshalb schon vor langer Zeit Werkzeuge entwickelt, die diese Arbeiten erleichtern. Von Stöcken über Pflüge bis hin zu Traktoren haben wir uns zu einer modernen Landwirtschaft entwickelt, in der fast niemand mehr selbst „auf dem Land“ arbeiten muss und trotzdem in vielen Gesellschaften ein Überfluss an Lebensmitteln herrscht. Diese Veränderung betrifft aber nicht nur die Landwirtschaft. In den letzten tausend Jahren haben wir Werkzeuge und Maschinen entwickelt, um alle Arten von körperlicher Arbeit zu reduzieren. Diese mechanischen Muskeln sind stärker, zuverlässiger und unermüdlicher als es menschliche Muskeln jemals sein könnten. Und das ist auch gut so.

Das Ersetzen menschlicher Arbeit durch mechanische Muskeln ermöglichte Spezialisierung, und es sorgte sogar bei Menschen, die noch körperlicher Arbeit nachgehen für Erleichterung. Es sorgte außerdem dafür, das Volkswirtschaften wachsen und der Lebensstandard steigen konnte. Einige Leute haben sich darauf spezialisiert, Programmierer und Ingenieure zu werden, deren Aufgabe es ist, mechanische Gehirne aufzubauen. So wie mechanische Muskeln die menschliche Arbeit weniger forderten, so fordern auch mechanische Gehirne die menschliche Gehirnarbeit weniger.

Wenn Sie an Automatisierung denken, denken Sie wahrscheinlich daran: riesige, maßgeschneiderte, teure, effiziente, aber wirklich dumme Roboter, die ihre eigene Aufgabe nicht verstehen, geschweige den globalen Kontext in dem sie sich befinden. Sie sind eine beängstigende Art der Automatisierung und Arbeitsplatzvernichtung, aber sie haben die Welt nicht übernommen, weil sie nur in einigen Situationen kostengünstig in der Produktion waren. Aber dies ist die alte Art der Automatisierung, wo Fließbandarbeiter durch Schweißroboter ersetzt werden.

Dann sollten Sie jetzt eine neue Generation von Robotern kennen lernen. Sagen Sie Hallo zu Sawyer. Im Gegensatz zu Robotern, die erfahrene Bediener, Techniker und Millionen von Dollar erfordern, kann er alleine durch Beobachten lernen was er machen soll. Und: Sawyer kostet weniger als das durchschnittliche Jahresgehalt eines menschlichen Arbeiters, 35.000 $ um genau zu sein. Im Gegensatz zu seinen älteren Brüdern ist er nicht für einen bestimmten Job vorprogrammiert, sondern kann alle Arbeiten ausführen, die in Reichweite seiner Arme liegen. Sawyer ist das, was man sich als Allzweckroboter vorstellen könnte, und Allzweck ist eine große Sache.

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Denken Sie an Computer, sie waren zu Beginn sehr individuell und sehr teuer, aber als billige Allzweckcomputer auftauchten, wurden sie schnell zu einem unverzichtbaren Faktor für alles. Ein Allzweckcomputer kann ebenso einfach Änderungen berechnen oder Sitzplätze in einem Flugzeug zuweisen oder ein Spiel spielen oder irgendetwas tun, indem er einfach seine Software austauscht. Und diese enorme Nachfrage nach Computern aller Art macht sie jedes Jahr leistungsfähiger und billiger. Sawyer ist heute der Computer der 1980er Jahre. Er ist nicht die Spitze, sondern der Anfang. Selbst wenn Sawyer langsam ist, sind seine stündlichen Kosten ein paar Cent Strom wert, während sein fleischbasierter Wettbewerb einen Mindestlohn kostet. Ein Zehntel der Geschwindigkeit ist immer noch kostengünstig, wenn es ein Hundertstel des Preises ist. Und während Sawyer nicht so klug ist wie einige der anderen Dinge, über die wir sprechen werden, ist er klug genug, um viele Jobs mit geringen Qualifikationen zu übernehmen.

 

Und wir haben bereits gesehen, wie dümmere Roboter als Sawyer Jobs ersetzen können. In neuen Supermärkten, in denen früher 30 Menschen beschäftigt waren, überwacht heute ein Mensch 30 Kassiermaschinen. Oder nehmen Sie die hunderttausend Baristas, die noch weltweit beschäftigt sind. Die Barista-Roboter con Cafe X (https://cafexapp.com/) stehen in den Startlöchern. Vielleicht macht Ihr bevorzugter Barista den Doppel-Mokka perfekt, und Sie würden keinem anderen vertrauen – aber Millionen von Menschen interessieren sich nicht dafür und möchten nur eine anständige Tasse Kaffee. Übrigens, dieser Barista-Roboter ist natürlich Teil eines riesigen Netzwerks von Barista-Robotern, die sich überall daran erinnern, wer Sie sind und wie Sie Ihren Kaffee mögen.

Wir begreifen den technologischen Wandel als das schicke neue, teure Zeug das auf den Markt kommt, den Tesla, das nächste iPhone oder die neuste VR-Brille, aber der wirkliche Wandel kommt von den Dingen, die im letzten Jahrzehnt billiger und schneller wurden. Diese Veränderung sehen wir vor allem in der Robotik. Und weil ihr mechanisches Gehirn oft besser als der Mensch in der Lage ist Entscheidungen zu treffen, was ein reiner mechanischer Muskel niemals konnte, konkurrieren sie nun um Jobs, für die der Mensch früher noch die Hoheit hatte.

Stellen Sie sich zwei Pferde in den frühen 1900er Jahren vor, die über Technologie sprechen. Das eine befürchtet, dass all diese neuen mechanischen Muskeln Pferde überflüssig machen. Das andere erinnert ihn daran, dass alles bisher ihr Leben leichter gemacht hat. “Erinnere dich an alles diese Farmarbeit? Erinnerst du dich, wie du von Küste zu Küste gelaufen bist, um Post zuzustellen? Erinnerst du dich, dass du in die Schlacht geritten bist? Alles schrecklich. Diese Jobs in der Stadt sind ziemlich bequem und bei so vielen Menschen in der Stadt wird es mehr Jobs für Pferde geben als jemals zuvor. Selbst wenn dieses Automobil Erfolg hat wird es neue Jobs für Pferde geben, die wir uns nur noch nicht vorstellen können.” 

Wie wir wissen gibt es immer noch Arbeitspferde aber die Pferdepopulation erreichte 1915 ihren Höhepunkt – von diesem Zeitpunkt an war es nichts als ein Rückgang. Es gibt keine ökonomische Regel, die besagt, dass bessere Technologie mehr bessere Jobs für Pferde schafft. Es klingt schockierend, aber tauschen Sie Pferde gegen Menschen aus, und plötzlich denken die Leute, dass es richtig klingt. Während die mechanischen Muskeln die Pferde aus der Wirtschaft verdrängten, wird das mechanische Gehirn das Gleiche mit den Menschen tun. Nicht sofort, nicht überall, aber in ausreichender Anzahl und so schnell, dass es ein großes Problem wird, wenn wir nicht vorbereitet sind. Und wir sind nicht vorbereitet. Sie, wie das zweite Pferd, sehen sich den Stand der Technik an und glauben, dass er Ihren Job unmöglich ersetzen kann. Aber die Technologie wird besser, billiger und schneller, und die Biologie kann da nicht mithalten.

Selbstfahrende Autos sind nicht die Zukunft: Sie sind hier und funktionieren. Die Frage ist nicht, ob sie Autos ersetzen, sondern wie schnell. Sie müssen nicht perfekt sein, sie müssen nur besser sein als wir, denn menschliche Fahrer töten alleine in Deutschland jährlich 3.600 Menschen mit Autos. Angesichts der Tatsache, dass selbstfahrende Autos blinken, während der Fahrt keine SMS senden, nicht schläfrig oder aggressiv werden, ist es logisch, dass sie die besseren Autofahrer sind. Selbstfahrende Autos überhaupt als Autos zu bezeichnen, ist wie die ersten Autos als mechanische Pferde zu bezeichnen. Autos in all ihren Formen sind so viel mehr als Pferde, dass die Verwendung des Namens unser Denken darüber einschränkt, was sie überhaupt sein können.

Nennen wir selbstfahrende Autos, was sie wirklich sind, die Lösung für das Transportobjekt-von-Punkt-A-zu-Punkt-B-Problem. In Deutschland sind hierfür 560.000 LKW Fahrer zuständig. Diese Jobs könnten bald Geschichte sein. Das übliche Argument ist, dass die Gewerkschaften dies verhindern werden. Aber die Geschichte zeigt, dass im Kampf Arbeiter gegen Technologie, Arbeiter immer dann verlieren, wenn die anfänglichen Investitionskosten für Robotik das Potential haben die Produktionskosten und vor allem die Lohnkosten langfristig zu reduzieren.

Für viele Transportunternehmen machen die Menschen etwa ein Drittel ihrer Gesamtkosten aus. Das sind nur die direkten Lohnkosten. Menschen, die in ihren LKWs schlafen kosten Zeit und Geld. Unfälle kosten Geld. Verspätung kostet Geld. Die autonomen LKWs kommen und sie sind das erste Beispiel, an dem die meisten Menschen wirklich verstehen werden, wie die Roboter die Gesellschaft verändern wird. Aber es gibt viele andere Orte in der Wirtschaft, an denen dasselbe passiert, nur weniger sichtbar.

Es ist einfach, Autos und Sawyer zu betrachten und zu denken: „Die Technologie hat immer gering qualifizierte Jobs beseitigt, die wir sowieso nicht wollen. Sie werden qualifizierter und machen besser ausgebildete Jobs – wie sie es immer getan haben.” Aber auch wenn wir hundert Tausende zusätzliche Menschen zu höhere Bildung ist Büroarbeit kein sicherer Hafen. Wenn Ihr Job vor einem Bildschirm steht und Sie tippen und klicken – wie Sie es vielleicht gerade tun sollten – greift der (Ro)bot auch nach ihrem Job.

Software-Bots sind sowohl immateriell als auch viel schneller und billiger als physische Roboter. Angesichts der Tatsache, dass Angestellte aus Sicht eines Unternehmens sowohl teurer als auch zahlreicher sind, ist der Anreiz, ihre Arbeit zu automatisieren, größer als bei gering qualifizierter Arbeit. Und genau dafür sind Programmierer da. Ihre Aufgabe ist es Ihren Job durch einen Software-Bot zu ersetzen. Sie denken vielleicht, selbst der intelligenteste Automatisierungsingenieur der Welt könnte niemals einen Bot für Ihre Arbeit einsetzen – und Sie haben vielleicht Recht -, aber die neuesten Programmierer schreiben keine Bots, sondern Programmierer schreiben Bots die sich selbst beibringen, wie man Dinge macht, die der Programmierer ihnen niemals beibringen könnte.

Wenn Sie an einen Anwalt denken, fällt es Ihnen leicht, an Gerichtsverfahren zu denken. Aber der Großteil der Anwälte entwirft tatsächlich juristische Dokumente, prognostiziert das wahrscheinliche Ergebnis und die Auswirkungen von Klagen. Hier werden bereits Research-Bots eingesetzt um Millionen von E-Mails und Memos und Accounts innerhalb von Stunden und Wochen zu durchsuchen – was menschliche Mitarbeiter in Bezug auf Kosten, Zeit und Genauigkeit schlecht dastehen lässt. Bots werden durch eine Million E-Mails nicht müde. Anwälte schon.

So wie Auto nicht perfekt sein muss – sie müssen nur weniger Fehler machen als Menschen – gilt auch für medizinische Bots. Ärzte sind keineswegs perfekt – die Häufigkeit und Schwere von Fehldiagnosen sind erschreckend – und Ärzte sind in Bezug auf die komplizierte Krankengeschichte eines Menschen stark eingeschränkt. Das Verstehen jedes Medikaments und der Wechselwirkung jedes Medikaments mit jedem anderen Medikament liegt außerhalb des Bereichs der menschlichen Vorstellungskraft. Nicht alle Ärzte werden verschwinden, aber der Bedarf an Allgemeinärzten dürfte geringer werden. Fachleute, Angestellte und geringqualifizierte Arbeitskräfte haben also Probleme mit der Automatisierung. Aber vielleicht sind Sie nicht beeindruckt, weil Sie ein besonders kreativer Geist sind. Raten Sie mal? Sie sind nicht so besonders.

Kreativität mag sich wie Magie anfühlen, ist es aber nicht. Das Gehirn ist eine komplizierte Maschine, aber das hat uns nicht davon abgehalten, sie zu simulieren. Schon heute können Maschinen Denkaufgaben übernehmen und kreativ arbeiten. Aber selbst wenn wir davon ausgehen, dass der menschliche Geist magisch kreativ ist, ist künstlerische Kreativität nicht das, wovon die meisten Jobs abhängen. Über künstliche Kreativität zu sprechen, wird schnell seltsam – was bedeutet das überhaupt? Aber es ist trotzdem ein sich rasant entwickelndes Feld. Früher dachten die Leute, Schach zu spielen sei eine einzigartig kreative menschliche Fähigkeit, die Maschinen erst dann vollbringen könnten, wenn sie die Besten von uns besiegen, bis Deep Blue vs. Garry Kasparov 1997 den Wendepunkt einleitete.

Es ist einfach, den endlosen und teilweise wirren Vorhersagen von Zukunftsforschern zynisch zu begegnen. Deshalb ist es wichtig, noch einmal zu betonen, dass die Beispiele keine Science-Fiction sind. Roboter sind gekommen um zu bleiben.  In Fabriken und Büros auf der ganzen Welt herrscht ein erschreckendes Automatisierungspotential. Wir haben die mechanische Industrialisierung durchgemacht, aber die Roboterrevolution ist anders. Pferde sind jetzt nicht arbeitslos, weil sie als Spezies faul geworden sind, sondern es gibt wenig Arbeit, die ein Pferd tun kann, um für Unterkunft und Heu zu bezahlen. Wenn Sie jedoch immer noch glauben, dass uns neue Arbeitsplätze retten werden, sollten Sie noch einen letzten Punkt beachten.

Die US-Volkszählung von 1776 verzeichnete nur wenige verschiedene Arten von Arbeitsplätzen. Mittlerweile gibt es zwar hunderte von neuen und zusätzlichen Jobs, aber von der US-Top 10 List der Beschäftigungsverhältnisse ist ein Großteil von prekären Arbeitssituation geprägt.

Top 10 Liste – US Beruf nach Beschäftigung in 2016

  1. 602.500 Einzelhandelsverkäufer
  2. 555.500 Kassierer
  3. 452.200 Zubereitung und Bedienung von Lebensmittel inkl. Fast Food
  4. 117.700 Allgemeine Büroangestellte
  5. 955.200 Krankenschwestern
  6. 784.500 Mitarbeiter im Kundenservice
  7. 628.400 Arbeiter in Fracht, Lager und Umzug
  8. 600.500 Kellner und Kellnerinnen
  9. 536.300 Sekretäre und Verwaltungsassistenten
  10. 384.600 Hausmeister und Reinigungskräfte

Anzahl US Vollzeitarbeitskräfte in 2016 123.760.000. Top 10 Anteil 25%.

Quelle: https://www.careeronestop.org/Toolkit/Careers/careers-largest-employment.aspx

Auch wenn diese Jobs vor 100 Jahren schon existierten, sind sie heute ein potentielles Ziel für die Automatisierung. Erst auf Platz 42. kommt mit Software-Entwickler ein Beruf, der neu ist. Während der Weltwirtschaftskrise 1932 betrug die Arbeitslosigkeit in Amerika 25%, heute sind jedoch über 45% der Arbeitsverhältnisse von Automation bedroht. Ob wir im selben Maße als Volkswirtschaft in der Lage sein werden neue Berufe zu schaffen ist jedoch mehr als fraglich, denn für profitable Geschäftsmodelle wird der Faktor Mensch immer unwichtiger. Apple, Facebook, Amazon und Google erwirtschaften mit 907.000 Mitarbeitern einen Umsatz von über 650 Mrd. US-Dollar. Wallmart benötigt für 500 Mrd. US-Dollar Umsatz noch 2.3 Mio. Mitarbeiter weltweit.

In unserem modernen technologischen Wunderland wird es zwar neue Arten von Arbeit geben, allerdings werden sie die Vernichtung von Arbeitsplätzen nicht ausgleichen können. Die Frage ist nicht ob wir 560.000 LKW Fahrer zu Fitness-Trainern oder Programmierer umschulen sollten. Die zentralen Fragen lauten: Was tun wir, wenn größte Teile der Bevölkerung ohne eigenes Verschulden arbeitslos werden? Was tun wir in einer Zukunft, in der Menschen sich für Jobs nicht mehr bewerben müssen, weil sie Kollege Roboter übernommen hat? Was tun wir dann? Und was ist dann der Zweck unseres Lebens?

 

 

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